Thought Leadership

Von DC Mitglied Harald Müller*
Die Industrie muss sich auf eine neue Ära der Fertigung durch humanoide KI-Roboter einstellen, die alle bisherigen Automatisierungskonzepte in den Schatten stellen wird. Wir sprechen von einer neuen industriellen KI-Welle, die die Art und Weise, wie Fertigung funktioniert, grundlegend verändert.
Der entscheidende Unterschied zu bisherigen Automatisierungskonzepten besteht darin, dass die neue Generation der Industrieroboter dank Künstlicher Intelligenz autonom handeln kann und vielfältig einsetzbar ist. Wir reden von Humanoiden, die alles können, was ein Industriearbeiter kann, aber viel schwerere Lasten heben, viel schneller und dennoch präziser arbeiten, viel flexibler einsetzbar sind und keine Lohnforderungen stellen. Hinzu kommen vollautonome Fahrzeuge, vom Gabelstapler bis zum Lastwagen, die keine Fahrer mehr benötigten.
KI-Roboter drängen in den industriellen Mittelstand
Bisher haben sich Industrieroboter nur dort gerechnet, wo stupide wiederkehrende Tätigkeiten tausend- oder millionenfach wiederholt werden mussten. Dem entsprechend wurde jeder einzelne Roboter auf diese jeweilige Tätigkeit ausgerichtet. Selbst bei kleinsten Änderungen mussten die Maschinen umgerüstet werden. Damit war diese alte Form der Automatisierung vor allem für große Unternehmen mit entsprechenden Fertigungsvolumina geeignet. Aber die neuen KI-Roboter sind flexibel und autonom. Sie können durch Maschinelles Lernen binnen Sekunden jede neue Tätigkeit erlernen und sofort ausführen. Die neue KI-Robotergeneration wird daher in den nächsten Jahren im großen Stil im industriellen Mittelstand Einzug halten.
Praktische Beispiele: Derselbe Roboter, der Maschinenteile von den Lastwagen entlädt, verarbeitet sie auch, montiert sie zusammen, holt die Verpackungen aus dem Lager, verpackt die fertige Ware, verlädt sie zur Auslieferung an die Kundschaft und fegt am Ende der Schicht die Halle. Es klingt heute wie Science Fiction, dürfte aber schon in wenigen Jahren den Alltag in immer mehr Unternehmen des produzierenden Gewerbes bestimmen.
Die Studie „Humanoide Roboter in Operations“ der Beratungsgesellschaft Horváth prognostiziert, dass humanoide Roboter bis 2030 mehr als 50 Prozent der manuellen Tätigkeiten in der Fertigung übernehmen könnten. Insbesondere in Bereichen wie Logistik, Montage und Materialhandling bietet sich demnach der zügige Einsatz an. Selbst bei nur einem Drittel wären die Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft gravierend.
Menschenleere Fabrikhallen voraus
Es wird künftig immer mehr Fertigungsbereiche geben, zu denen Menschen während des laufenden Betriebs überhaupt keine Zugangsberechtigung mehr erhalten. Der Grund: Wenn in einer Fertigungshalle ausschließlich Roboter am Werk sind, können diese zwei- bis fünfmal schneller arbeiten als es aus Sicherheitsgründen bei Menschen im Raum geboten und erlaubt ist.
Der Anteil „menschenfreien Zonen“ könnte in den nächsten fünf Jahren auf bis zu 50 Prozent der Fertigungsfläche ansteigen. Wenn die Hälfte der Produktion mit doppelter oder gar vierfacher Geschwindigkeit läuft, befinden wir uns in einer völlig veränderten industriellen Arbeitswelt.
Geschäftsmodelle heute schon vorprogrammiert
Die Geschäftsmodelle für den Einsatz der Humanoiden ist heute schon vorgezeichnet. Die Roboter werden grundlegende Fähigkeiten vom Herstellerseite aus mit sich bringen, alles weitere wird durch Knowhow-Pakete hinzugebucht. So kann das Basismodell beispielsweise als Lagerarbeiter eingesetzt werden, aber wenn es noch eine Schweißerausbildung benötigt, wird diese wie eine KI-Funktion einfach gegen Aufpreis hinzuaddiert.
Es ist davon auszugehen, dass diese neue KI-Robotergeneration im Mittelstand vor allem durch Leasingmodelle Fuß fassen wird. Ähnlich wie heute beispielsweise Firmenfahrzeuge geleast werden, stehen in Zukunft KI-Roboter zum Leasing zur Verfügung. Für die Zukunft sind eine zügige Verbesserung der Robotermodelle als auch einen rasanten Preisverfall gemessen an der Leistungsfähigkeit zu erwarten – ähnlich wie in der Smartphone-Branche. Man erhält jedes Jahr ein um mindestens 20 Prozent leistungsfähigeres Smartphone zum Preis des Vorjahresmodells. Das werden wir künftig sehr ähnlich auch bei KI-Robotern erleben.
Revolution der KI-Roboter mit weitreichenden Folgen
Für die Industrie hat diese „Revolution der KI-Roboter“ enorme Auswirkungen, auf die sich Unternehmen heute schon vorbereiten sollten. Die viel höhere Produktivität bei deutlich niedrigeren Kosten ist natürlich verlockend. Gleichzeitig sinkt mit der Verfügbarkeit von preisgünstigen Humanoiden aber auch die Eintrittshürde für neue Marktmitspieler drastisch.
Ein paar kluge Köpfe, die KI-Programmierung beherrschen, können mit einer kleinen Humanoiden-Truppe und einer großartigen neuen Geschäftsidee althergebrachte Industriefertiger ins Schwitzen bringen, lässt sich das Entstehen einer neuen Generation von Industrie-Startups in den nächsten Jahren prognostiziert.
Politik muss handeln
Angesichts des Aufkommens der autonomen und flexiblen KI-Roboter sind allerdings nicht nur die Unternehmensleitungen zur Wachsamkeit aufgerufen, sondern auch die Politik. Zwar können die „Humanoiden mit KI im Hirn“ in vielen Branchen eine Antwort auf den Fachkräftemangel sein. Das ist sicherlich ein Teil der Lösung, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in den nächsten Jahren in Rente gehen. Zudem bietet sich der Einsatz der „Maschinenmenschen“ auch außerhalb der Industrie an, etwa in der Altenpflege und in Teilen des Gesundheitswesens.
Aber damit sind rechtliche und ethische Fragestellungen verbunden, auf die unsere Gesellschaft und damit die Politik Antworten finden muss. Der Gesetzgeber muss eine ausgewogene Balance finden, um einerseits der deutschen Industrie und insbesondere dem Mittelstand die Nutzung dieses Produktivitäts- und Kostensenkungsturbos zu ermöglichen, und andererseits die damit verbundenen sozialen Fragestellungen adressieren.
Alle unsere Sozialsysteme, von der Rentenversicherung über die Krankenkasse und die Pflegeversicherung bis hin zum sozialen Netz sind auf dem Prinzip einer arbeitenden Bevölkerung aufgebaut, die all dies mit einem Teil ihres Arbeitseinkommens finanziert. Wenn Humanoide in immer größerem Stil die Wertschöpfung übernehmen, stehen sämtliche heute ohnehin schon wackeligen Sozialsysteme im Feuer. Der Gesetzgeber muss sich auf neue Konzepte wie beispielsweise eine Maschinensteuer oder einer KI-Abgabe besinnen, also einer wie auch immer gearteten Belastung auf die durch intelligente Maschinen hervorgebrachten Wertschöpfung.
Gewerkschaften sollten ihre Rolle überdenken
Die Gewerkschaften sollten ihre Rolle angesichts der anstehenden KI-Roboterrevolution ebenfalls überdenken. Es wird künftig weniger darum gehen, den letzten Industriearbeitsplatz zu retten, den Roboter besser und billiger ausfüllen können, als vielmehr darum, die Belegschaften durch Qualifizierungsmaßnahmen auf die neue Roboterwelt einzustellen. Dazu gehören auch Übergangsprogramme, während der demografische Faktor allmählich für eine Entlastung auf dem Arbeitsmarkt sorgt, wenn die Babyboomer in Rente gehen.
Der industrielle Mittelstand stellt das Herzstück der deutschen Wirtschaft dar. Dieser Kern ist durch den Energieschock und die Überregulierung heute schon angegriffen. Eine Roboterkrise ist das Letzte, was wir brauchen. Politik, Gewerkschaften und die Wirtschaftsverbände sind daher gleichermaßen aufgerufen, Antworten zu finden auf die drängenden Fragen, die sich mit dem Aufkommen humanoider Roboter stellen.
Blicken wir auf die Zusammenhänge: Europa ist bei Schlüsseltechnologien wie Internet, Digitalisierung, Smartphones, Raumfahrt, Satelliten und Künstlicher Intelligenz ins Hintertreffen gegenüber den USA geraten. Im Automobilsektor kämpft die europäische Industrie gerade in einer Zange zwischen den USA und China um ihre Existenz. Wir müssen alles daransetzen, auf dem Gebiet der humanoiden KI-Roboter nicht wieder den Anschluss zu verpassen, weil dies den Kern unserer Industrie und damit den Herzschlag unseres Wohlstandes treffen würde. Kein anderes Land in Europa wäre davon so stark betroffen wie die Industrienation Deutschland. Daher wäre die neue Bundesregierung gut beraten, sich zügig um dieses Thema zu kümmern und es nicht etwa der Brüsseler Bürokratie anzuvertrauen.
* Harald Müller ist Geschäftsführer der Bonner Wirtschafts-Akademie (BWA, die seit über 25 Jahren als Spezialist für Personalentwicklung, Outplacement, Personalberatung und Training sowie für Arbeitsmarktprogramme wie Beschäftigtentransfer erfolgreich ist. Die BWA versteht sich als neutraler Vermittler zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften zum Vorteil der Arbeitnehmer. Mit Hilfe der BWA haben mehr als zehntausend Arbeitnehmer eine neue berufliche Zukunft gefunden. Harald Müller ist nicht nur beim Diplomatic Council engagiert, sondern zudem Beiratsmitglied der Stiftung „Bildung und Beschäftigung“, die sich für die sozialverträgliche Bewältigung des wirtschaftlichen Strukturwandels einsetzt.