Thought Leadership

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Klaus-Peter Stöppler
Die Politik wird die Wirtschaft nicht retten

Von DC Mitglied Klaus-Peter Stöppler, Beirat und Interim Manager für die Bau- und Immobilienbranche*

Die Politik wird die Wirtschaft nicht retten. Die Unternehmen müssen sich aus eigener Kraft fit für die Zukunft machen“. Nach rund anderthalb Jahren neuer Regierung sind keine nennenswerten wirtschaftspolitischen Impulse aus der Politik zu spüren. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber jetzt können wir sie getrost zu Grabe tragen. Firmen, die weiterhin auf Hilfe aus Berlin hoffen, sind verloren.

Konsequenz aus dieser Erkenntnis: Nicht etwa  Aufgeben, sondern Zupacken. Es gibt so viele Stellschrauben in den Betrieben, um Aufträge zu generieren, Prozesse zu verbessert, Innovationen einzuführen und Kosten zu senken. Aber viele Führungskräfte übersehen diese Chancen und fahren ihre Firmen auf eingefahrenen Gleisen an die Wand.

Breites Spektrum an Praxisbeispielen

Beispiele: Oft bleiben ungenutzte Vertriebspotenziale liegen, weil Kundendaten nicht systematisch ausgewertet werden oder Angebote zu spät und ohne klare Differenzierung abgegeben werden. Gleichzeitig laufen interne Abläufe weiter wie vor zehn Jahren, obwohl sich durch Digitalisierung, Automatisierung oder eine andere Organisation der Wertschöpfungs­kette die Durch­laufzeiten drastisch verkürzen und Fehlerquoten reduzieren ließen. Zudem werden Innovationen häufig nicht erkannt oder jedenfalls nicht in vollem Umfang genutzt.

Beispielhaft dafür steht der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Baugewerbe: Studien zufolge nutzen höchstens 20 bis 25 Prozent der Unternehmen hierzulande KI, während die KI-Durch­dringung in den USA in dieser Branche bei knapp 40 Prozent liegt. Vor allem ist das Niveau der KI-Nutzung in hiesigen Baufirmen noch auffallend niedrig. Auch dazu ein Beispiel: Wer heutzutage Microsoft Office nutzt, kommt an KI in Word oder Excel im Grunde gar nicht mehr vorbei, etwa beim Formulieren oder Kalkulieren von Bewerbungen auf Ausschreibungen. Aber das ist Lichtjahre von den Effizienzgewinnen entfernt, die sich mittels Künstlicher Intelligenz an anderen Stellen in den Wirtschaftsketten im Baugewerbe erzielen lassen. Während die Immobilienbranche durch­aus innovationsfreudig ist, lässt sich in der Baubranche eine gewisse Innovations­trägheit nicht übersehen.

Innovationsträgheit bei BIM, seriellem Bauen und 3D-Betondruck

Zwar gewinnt in Deutschland das digitale Planungsmodell Building Information Modeling (BIM) allmählich an Bedeutung – aber auffallend langsam. So haben im letzten Jahr nicht einmal 20 Prozent der Bau- und Ausbauunternehmen BIM-Software genutzt. Der Stufenplan Digitales Planen und Bauen des BMVI (heute BMDV) von 2015 hat durchaus entscheidende Impulse gesetzt, BIM bei Bundesinfrastrukturprojekten ab 2021 verpflichtend gemacht und einheitliche Standards sowie Masterpläne geschaffen, aber das damalige Ziel der flächendeckende Durchdringung in der gesamten Branche liegt auch mehr als zehn Jahre später noch in weiter Ferne. Die Schuld hierfür liegt allerdings weniger bei der Politik als vielmehr auf der Unternehmensseite. BIM ist eine Riesenchance, die jedoch von der Branche weitgehend vertan wird.

Mehr Fortschritte sind bei modularer und serieller Bauweise auszumachen. So sind im letzten Jahr mehr als ein Viertel aller neuen Wohngebäude in Deutschland mit vorgefertigten Bauelementen errichtet worden. Das verkürzt die Bauzeiten, standardisiert die Qualität und reduziert die Kosten. Warum die Anteil nicht höher ist? Weil viele traditionelle Bau­unternehmen weiterhin konventionell bauen, Planungs- und Genehmigungsprozesse lange dauern, die Baukosten für Serienbau oft nur bei sehr hohen Stückzahlen wirklich günstiger sind und es an ausreichend großen, standardisierten Projekten vor allem im Mehrfamilienhausbereich mangelt.

Ebenfalls eine zentrale Innovation ist der 3D-Betondruck; hinzu kommen weitere automatisierte Bauverfahren. Auf Dauer werden sich digitalisierte und teilautomatisierte Bauprozesse durchsetzen, um Fachkräftemangel, Produktivitätsprobleme und hohe Baukosten zu adressieren. Aber die unternehmerischen Aktivitäten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rahmenbedingungen nicht nur für die Bauwirtschaft in Deutschland verheerend sind. Exemplarisch dafür steht die Überbürokratisierung der Bauämter verbunden mit einer mangelnden Digitalisierung und einem eklatanten Personalmangel. Die vagen Positivmeldungen der letzten Zeit sind noch kein Anlass zum Jubeln, weil die strukturellen Probleme bislang keineswegs gelöst sind.

* DC Mitglied Klaus-Peter Stöppler zählt zu den renommiertesten Executive Interim Managern Deutschlands* mit über 35 Jahren Erfahrung in den Branchen Bauwirtschaft, Immobilien, Energie und Industrie. Er begleitet mittelständische Unternehmen als permanenter Beirat oder als Interim Manager auf Zeit. Seine Expertise umfasst Bauprojektmanagement, Unternehmensrettung und strategische Beratung. Klaus-Peter Stöppler ist Mitglied der Denkfabrik Diplomatic Council mit Beraterstatus bei den Vereinten Nationen. Der „Top Interim Manager 2025/26“ gehört zum kleinen Kreis der Verfasser des viel­beachteten „Wirtschafts­report 2025/26“.