Zwölf Denkfehler bremsen Deutschlands KI-Zukunft

Deutschland diskutiert intensiv über Künstliche Intelligenz – nach Einschätzung des Wirtschaftsexperten Eckhart Hilgenstock jedoch häufig auf der Grundlage falscher Annahmen. Der Interim Manager, der regelmäßig in die oberste Führungsebene von Unternehmen als Manager auf Zeit berufen wird, und zudem als Beirat aktiv ist, hat zwölf grundlegende Denkfehler identifiziert, die Unternehmen, Politik und Gesellschaft daran hindern, sich rechtzeitig auf die tiefgreifenden Veränderungen vorzubereiten.

„Viele Menschen betrachten KI mit Denkmodellen aus dem Industriezeitalter und ordnen KI als eine IT-Technologie ein. Tatsächlich erleben wir jedoch den Beginn einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Revolution, deren Dynamik viele massiv unterschätzen“, erklärt Eckhart Hilgenstock.

1. Irrtum: Es wird schon nicht so schlimm werden

Viele Entscheider gehen davon aus, dass die Entwicklung langsamer verlaufen wird als von Experten vorhergesagt. Sie haben im Laufe ihres Berufslebens festgestellt, dass technologische Prognosen regelmäßig übertrieben sind und keineswegs so schnell eintreffen wie vorhersagt. „Diese Erfahrung des ‚Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird‘ stammt allerdings aus linearen Entwicklungen früherer Jahrzehnte“, sagt Eckhart Hilgenstock.

„Die Geschichte des digitalen Fortschritts wird jedoch durch exponentielle Wachstumskurven bestimmt“, erklärt der Wirtschaftsexperte und verweist auf Moore’s Law. Das von Intel-Gründer Gordon Moore 1965 formulierte Gesetz besagt, dass sich die Anzahl der Transistoren auf einem Computerchip ursprünglich etwa jedes Jahr, später etwa alle zwei Jahre, verdoppelt. Dadurch steigt die Rechenleistung exponentiell, während die Kosten pro Recheneinheit sinken. Hilgenstock stellt klar: „Nach zehn Verdopplungen erhält man nicht den zehnfachen, sondern den mehr als tausendfachen Wert. Was heute noch unausgereift erscheint, kann innerhalb weniger Jahre ganze Branchen verändern.“

Ein Blick auf die vergangenen drei Jahre verdeutlicht diese Dynamik: Von den ersten großen Sprachmodellen bis hin zu autonomen KI-Agenten, Robotik, Videogenerierung und wissenschaftlichen KI-Systemen sind Entwicklungsschritte erfolgt, für die frühere Technologien oft Jahrzehnte benötigt haben.

2. Irrtum: Die Zukunft wird linear gedacht

Menschen denken überwiegend in linearen Entwicklungen. Künstliche Intelligenz folgt jedoch exponentiellen Wachstumskurven. Verdoppeln sich Leistungsfähigkeit und Datenbestände in kurzen Abständen, entstehen Sprünge, die mit menschlicher Intuition kaum vorhersehbar sind.

Eckhart Hilgenstock: „Derzeit erleben wir, dass sich mehrere exponentielle Entwicklungen gegenseitig verstärken: immer leistungsfähigere Chips, größere Rechenzentren, bessere KI-Modelle, mehr Trainingsdaten, effizientere Algorithmen und sinkende Kosten pro KI-Transaktion. Dadurch entsteht ein Multiplikationseffekt, den manche Forscher als ‚Exponentials on top of exponentials‘ beschreiben.“ Er rechnet diese „Exponentialität auf mehreren Ebenen“ vor: „Verdoppeln sich vier Faktoren gleichzeitig – etwa Rechenleistung, Datenmenge, Algorithmen und Energieeffizienz –, ergibt sich nicht nur der doppelte Fortschritt. Aus 2 mal 2 mal 2 mal 2 wird bereits der 16-fache Gesamteffekt. Genau deshalb unterschätzen viele Menschen die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung.“

3. Irrtum: KI ist lediglich ein IT-Thema

Künstliche Intelligenz betrifft längst nicht mehr nur die IT-Abteilung. Sie verändert Einkauf, Produktion, Vertrieb, Marketing, Personalwesen, Forschung, Finanzen und Unternehmensführung gleichermaßen. Damit wird KI zu einer strategischen Managementaufgabe.

„KI automatisiert nicht nur einzelne Arbeitsschritte, sondern komplette Wertschöpfungsketten“, gibt Eckhart Hilgenstock zu bedenken. „Damit wird sie zu einer Führungsaufgabe und kann sinnvollerweise nicht mehr ausschließlich an technische Abteilungen delegiert werden.“

4. Irrtum: Die Auswirkungen auf Geschäftsmodelle werden unterschätzt

Bei Mandaten als Interim Manager hat Eckhart Hilgenstock immer wieder festgestellt: Viele Unternehmen erwarteten Produktivitätsgewinne durch KI, gehen aber davon aus, dass ihre Geschäftsmodelle grundsätzlich bestehen bleiben. „Doch hierin liegt einer der größten Irrtümer, denn KI verändert Wertschöpfungsketten grundlegend“, postuliert der Wirtschaftsexperte.

Beschaffung, Produktion, Kundenansprache, Dienstleistungen und ganze Absatzmärkte werden neu organisiert. Gleichzeitig entstehen völlig neue Geschäftsmodelle, während bestehende unter erheblichen Wettbewerbsdruck geraten. Hilgenstock verweist auf Studien internationaler Beratungshäuser, wonach KI jährlich zusätzliche Wertschöpfung in Billionenhöhe erzeugen wird. „Gleichzeitig entstehen völlig neue Wettbewerber, deren Geschäftsmodelle fundamental anders sind und deren Kostenstrukturen drastisch niedriger sein können im Vergleich mit klassischen Unternehmen“, erklärt der KI-Experte, der seine zahlreichen Erfahrungen unter anderen in dem Buch „KI-Einsatz in Unternehmen: Chancen, Risiken, Erfolge“ (ISBN 978-3-98674-114-3) veröffentlicht hat.

5. Irrtum: Regulierung bestimmt die Entwicklung

Technologische Entwicklungen orientieren sich nicht an nationalen Gesetzen oder regulatorischen Wunschvorstellungen. Eckhart Hilgenstock: „Europa probiert sich mit dem AI Act an der Regulierung einer Technologie, deren künftige Entwicklung sich selbst die KI-Spitzenforscher kaum vorherzusagen wagen. Der globale Innovationswettlauf wird sich dadurch aber nicht bremsen lassen.“

Die zukunftsentscheidenden Fortschritte werden nach Einschätzung des Topmanagers derzeit in den KI-Labors in China und den USA erzielt. „Anthropic, OpenAI, Google/DeepMind, SpaceXAI, Nvidia, DeepSeek, Alibaba und Baidu sind die globalen Taktgeber“, analysiert Hilgenstock. „Wollen wir hoffen, dass auch Mistral seinen Weg findet, damit wir wenigstens einen europäischen Player auf dem KI-Spielfeld haben.“

6. Irrtum: Der Ressourcenbedarf wird unterschätzt

Leistungsfähige KI benötigt enorme Rechenkapazitäten, spezialisierte Chips und große Energiemengen. Die exponentielle Entwicklung gleich in mehrere Dimensionen schlägt sich in einem dementsprechend wachsenden Ressourcenbedarf nieder.

Momentan entstehen die größten KI-Rechenzentren und Cloud-Infrastrukturen überwiegend in den USA und China sowie zunehmend auch im Nahen Osten, wo Unternehmen und Staaten Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe tätigen. Die Europäische Union versucht mit Initiativen zum Ausbau von KI-Gigafactories, Supercomputern, Halbleiterfertigung und einer gemeinsamen KI-Infrastruktur mitzuhalten.

Nach Ansicht von Eckhart Hilgenstock wird Europas Wettbewerbsfähigkeit künftig jedoch entscheidend davon abhängen, ob es gelingt, genügend Rechenleistung, Energie, Kapital und eigene KI-Modelle aufzubauen. „Ohne eine leistungsfähige Infrastruktur droht Europa dauerhaft von den technologischen Entscheidungen anderer Weltregionen abhängig zu bleiben“, sagt er.

7. Irrtum: Die geopolitische Dimension wird verkannt

KI entwickelt sich zunehmend zu einem geopolitischen Machtfaktor. „Exportkontrollen für Hochleistungschips sowie Nutzungsbeschränkungen moderner KI-Modelle zeigen bereits heute, wie Staaten und Unternehmen um technologischen Einfluss konkurrieren“, blickt Eckhart Hilgenstock auf die aktuelle Lage.

Diese Entwicklung steht nach Einschätzung des Wirtschaftsexperten erst am Anfang. „Die KI-Politik wird künftig auch immer mehr KI-gestützte Waren- und Dienstleistungskategorien berühren und damit im Laufe der Zeit praktisch alle Wirtschaftssegmente umfassen“, sagt Eckhart Hilgenstock. Den größten Schub in dieser Richtung erwartet er mit der zunehmenden Verbreitung von „Physical AI“.

8. Irrtum: Physical AI wird kaum gesehen

Der nächste Entwicklungsschritt besteht nicht allein aus Software, sondern aus intelligenten Robotern, autonomen Maschinen und KI-gesteuerten Produktionssystemen. „Robotaxis sind nichts anderes als KI-Maschinen“, erklärt Eckhart Hilgenstock mit Blick auf eine kombinierte Produkt- und Servicekategorie, die sich nach seiner Einschätzung auf dem Weg zum Massenmarkt befindet.

„Industrielle KI wird eine Industrienation wie Deutschland zum Beben bringen“, prognostiziert der Topmanager. Humanoide Roboter, autonome Fabriken, intelligente Logistiksysteme und selbstorganisierende Produktionsanlagen hätten das Potenzial, der volkswirtschaftlichen Produktivität einen gewaltigen Schub zu geben, fasst er die Analysen zahlreicher Studien zusammen. Er fügt hinzu: „Es liegt nun an der Gestaltung der politischen Rahmenbedingungen und an den Unternehmen selbst, ob dieses Potenzial durch unternehmerischen Mut freigelegt oder durch regulatorische Eingrenzungen erstickt wird“.

Der zunehmende Fachkräftemangel könnte zumindest teilweise durch KI und Robotik abgemildert werden. „Aber man muss sich auch klarmachen, dass diese Entwicklung unmittelbare Auswirkungen auf den Sozialstaat vom Gesundheitswesen bis zum Rentensystem haben wird“, betont Eckhart Hilgenstock die Reichweite der KI-Entwicklung.

Der Topmanager begrüßt ausdrücklich, dass sich inzwischen auch die Bundesregierung stärker mit den strategischen Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz beschäftigt. Als aktuelles Beispiel nennt er das neue Nationale KI-Sicherheitsinstitut, das die Regierung bei den Chancen und Risiken leistungsfähiger KI-Modelle beraten und deren Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesellschaft und Sicherheit bewerten soll.

9. Irrtum: KI wird nur als Werkzeug verstanden

Viele Unternehmen betrachten KI ausschließlich als Assistenzsystem. Tatsächlich wird KI zunehmend selbst Entscheidungen vorbereiten und viele Routineprozesse selbstständig erledigen. Bereits heute analysieren KI-Systeme Finanzdaten, entwickeln Strategien, optimieren Lieferketten oder treffen Investitionsentscheidungen schneller und objektiver als Menschen.

„Langfristig stellt sich nicht mehr die Frage, ob KI-Entscheidungen unterstützt, sondern welche Entscheidungen überhaupt noch von Menschen getroffen werden“, blickt Eckhart Hilgenstock in die Zukunft. „Gerade deshalb wird menschliche Führung nicht weniger, sondern wichtiger: Sie muss Verantwortung übernehmen, Grenzen setzen und sicherstellen, dass Entscheidungen nachvollziehbar und werteorientiert bleiben. Das gilt zwar nur für wesentliche Entscheidungen, nicht für die tägliche Arbeitsroutine, in der Mensch tatsächlich an vielen Stellen entbehrlich wird. Aber die Verantwortung für jedwede Entscheidung bleibt beim Menschen – auch wenn die KI sie in der täglichen Arbeitsroutine gefällt hat. Führungskräfte müssen lernen, sowohl Menschen als auch KI-Agenten zu führen – und Zukunft auch humanoide Roboter.“

10. Irrtum: Der Mensch bleibt dauerhaft in jeder Prozesskette

Das häufig propagierte Modell des „Human in the Loop“ wird sich nach Ansicht Hilgenstocks nur dort halten, wo rechtliche oder ethische Gründe dies verlangen. In vielen operativen Abläufen werde sich die vollständig autonome KI durchsetzen, weil jeder menschliche Eingriff Zeit kostet und die Wettbewerbsfähigkeit mindert.

„Während Menschen Minuten oder gar Stunden für Entscheidungen benötigen, können autonome KI-Agenten komplette Prozessketten in Sekunden koordinieren“, gibt er ein Beispiel. „Dennoch wird die Verantwortung beim Menschen bleiben.“

11. Irrtum: Heutige Fehler bestimmen die Zukunft

Halluzinationen, Fehler oder ungenaue Antworten würden häufig als Beweis dafür gesehen, dass KI niemals zuverlässig arbeiten könne. Eckhart Hilgenstock hält diese Schlussfolgerung für einen historischen Irrtum. „Hätte man das Internet nach seiner Übertragungsgeschwindigkeit im Jahr 1995 bewertet, wäre es wohl niemals zu dem Rückgrat der globalen Kommunikation geworden, das es heute darstellt“, gibt er ein Beispiel.

„Wer sich mit den heutigen Schwächen der KI aufhält, verkennt die Chancen für die Zukunft“, meint er. „Technologien sollte man niemals nach ihren Kinderkrankheiten beurteilen, sondern nach ihrem Entwicklungspotenzial.“

12. Irrtum: Allgemeine KI dauert noch lange

Die techno-philosophische Diskussion konzentriert sich häufig auf die sogenannte Allgemeine Künstliche Intelligenz (Artificial General Intelligence, AGI), die je nach Standpunkt alle Probleme der Menschheit lösen oder diese komplett vernichten wird. Eckhart Hilgenstock hält dies für eine „Phantomdiskussion“. Er verweist darauf, dass der britische Mathematiker Alan Turing bereits 1936 anhand des sogenannten „Halteproblems“ nachgewiesen hat, dass es unmöglich ist, einen universellen Algorithmus zu schreiben, der alles im Voraus weiß, wie man es von einer AGI erwarten würde.

„Nun mag die perfekte KI grundsätzlich unerreichbar sein“, erklärt Eckhart Hilgenstock, „aber es genügt bereits das Zusammenspiel einzelner spezialisierter KI-Systeme, um Unternehmen, Behörden oder sogar ganze Volkswirtschaften effizient zu steuern.“

„Wer heute noch glaubt, KI sei lediglich ein Werkzeug zur Produktivitätssteigerung, unterschätzt ihre eigentliche Bedeutung. Wir stehen vor einem tiefgreifenden Wandel wirtschaftlicher Wertschöpfung, geopolitischer Machtverhältnisse und unternehmerischer Führung. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob KI unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft verändert, sondern ob wir schnell genug lernen, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten“, fasst Eckhart Hilgenstock zusammen.