Jean Pütz wird 90 und bringt ein neues Buch heraus

In seinem neuen Buch „Wie wir von fossilen Energien unabhängig werden“ plädiert der Altmeister des Wissenschaftsjournalismus für eine globale Methanolwirtschaft – und für mehr Vernunft in der Energiepolitik.

Andere ziehen sich in diesem Alter längst zurück. Jean Pütz veröffentlicht kurz vor seinem 90. Geburtstag noch einmal ein Buch – und nimmt sich darin nicht weniger vor als eine der größten Menschheitsaufgaben unserer Zeit: den Abschied von Kohle, Erdöl und Erdgas.

Am 21. September 2026 wird der bekannte Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator 90 Jahre alt. Doch von Ruhestand ist bei Jean Pütz wenig zu spüren. In „Wie wir von fossilen Energien unabhängig werden – Mehr Rationalität statt Heureka-Politik!“ entwickelt er eine ebenso ambitionierte wie konkrete Idee für die Energieversorgung der Zukunft. Im Mittelpunkt steht grünes Methanol als weltweit handelbarer flüssiger Energieträger.

Das Buch ist von einer Überzeugung getragen, die Jean Pütz durch sein gesamtes Berufsleben begleitet hat: Wissenschaft muss verständlich sein, und technische Lösungen müssen sich in der Praxis bewähren.

Ein neues Buch im 90. Lebensjahr

Dass ein Wissenschaftsjournalist kurz vor seinem 90. Geburtstag ein Buch zu einem der komplexesten Zukunftsthemen vorlegt, ist bereits bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist der Ton: Jean Pütz blickt nicht nostalgisch zurück, sondern energisch nach vorn. Er will weder resignieren noch sich mit symbolischen Lösungen zufriedengeben. Stattdessen fragt er: Wie kann eine moderne Industriegesellschaft ihren enormen Energiebedarf decken, ohne dauerhaft fossile Rohstoffe zu verbrennen? Zumal der Energieverbrauch durch Künstliche Intelligenz und Rechenzentren gewaltigen Ausmaßes nochmals stark steigen wird.

„Wir brauchen nur zwei Energieformen: erstens elektrischen Strom, zweitens einen flüssigen Energieträger“, lautet eine zentrale Aussage des Buches. Für diesen zweiten Baustein hält Pütz Methanol für besonders geeignet.

Der Mann, der Wissenschaft ins Wohnzimmer brachte

Jean Pütz gehört zu den prägenden Wissenschaftsjournalisten des deutschen Fernsehens. Geboren wurde er am 21. September 1936 in Köln; aufgewachsen ist er im luxemburgischen Remich. Seine Laufbahn begann nicht im Fernsehstudio, sondern mit einer Ausbildung zum Elektromechaniker und einer Tätigkeit in einem Luxemburger Eisenhüttenwerk. Anschließend studierte er Nachrichtentechnik und schloss als Ingenieur ab. Auf dem zweiten Bildungsweg holte er das Abitur nach und studierte unter anderem Physik und Mathematik für das Lehramt. Bevor er zum Fernsehen wechselte, unterrichtete er an einer Berufsschule.

1970 kam Jean Pütz zum Westdeutschen Rundfunk. Dort baute er die Redaktion für Naturwissenschaft und Technik auf und leitete sie über viele Jahre. Einem breiten Publikum wurde er vor allem durch die „Hobbythek“ bekannt, die von 1974 bis 2004 ausgestrahlt wurde. Mit Experimenten, praktischen Anleitungen und kritischer Verbraucherinformation machte er wissenschaftliche und technische Zusammenhänge anschaulich und nachvollziehbar.

Diese Handschrift prägt auch sein neues Buch. Komplexe Fragen der Energiepolitik werden nicht als abstrakte Modellrechnungen behandelt, sondern auf ihre praktische Bedeutung zurückgeführt: Woher kommt die Energie? Wie lässt sie sich speichern? Wie gelangt sie dorthin, wo sie gebraucht wird? Und welche vorhandenen technischen Strukturen können weitergenutzt werden?

Die Kernthese: Sonnenenergie in flüssiger Form

Elektrischer Strom aus Sonnenenergie ist unverzichtbar. Doch Strom allein löst nach Ansicht von Jean Pütz nicht alle Energieprobleme. Energie wird nicht nur dann benötigt, wenn gerade die Sonne scheint oder der Wind weht. Sie muss gespeichert, über große Entfernungen transportiert und auch für Schiffe, Flugzeuge, Industrieanlagen und andere schwer elektrifizierbare Anwendungen verfügbar gemacht werden.

Wasserstoff wird häufig als universelle Lösung angesehen. Pütz hält dagegen: Wasserstoff sei viel zu „kratzbürstig“. Er müsse auf minus 253 Grad Celsius gekühlt werden, um flüssig zu werden, und sei bei Normaltemperatur hochexplosiv, wenn er mit Luft in Berührung kommt. Aus diesen Gründen hält er Wasserstoff für ungeeignet und nennt die Nationale Wasserstoffstrategie der Bundesregierung eine Farce.

Stattdessen beschreibt er eine globale Energiewirtschaft auf Basis von grünem Methanol als Ergänzung zum Solarstrom. Methanol ist bei normalen Umgebungsbedingungen flüssig, ähnlich wie Erdöl und seine Derivate. Daher lässt sich die bestehende Transportinfrastruktur – Tankschiffe, Pipelines, Tanks, Waggons, Tankstellen – weiter nutzen. Für Wasserstoffgas müsste dagegen weltweit eine völlig neue Infrastruktur errichtet werden.

Hergestellt werden soll das Methanol in sonnenreichen Regionen rund um den Äquator, in denen große, bislang weitgehend ungenutzte Wüstenflächen zur Verfügung stehen. Dort können Solaranlagen kostengünstigen Strom erzeugen. Mit dieser Energie wird Wasser, das zuvor der Luft entzogen wurde, durch Elektrolyse zerlegt. Der entstehende Wasserstoff wird mit Kohlendioxid verbunden, das ebenfalls aus der Umgebungsluft gewonnen wird. So entsteht Methanol. Solche Anlagen könnten weitgehend autonom betrieben werden, denn selbst trockene Wüstenluft enthält genügend Feuchtigkeit.

Vereinfacht gesagt: Sonne, Wasser und Kohlendioxid werden zu einem flüssigen Energieträger. Beim beschriebenen Verfahren wird der Luft netto Kohlendioxid entzogen. Das Methanol bringt die Energie aus der Wüste dorthin, wo sie gebraucht wird. Wird es später genutzt, entsteht wieder Kohlendioxid, das erneut zur Herstellung dienen kann. So soll ein Kreislauf entstehen, ohne ständig zusätzlichen fossilen Kohlenstoff freizusetzen.

Jean Pütz beschreibt die Grundzüge dieser weltweiten Methanolwirtschaft in seinem leicht verständlichen Stil: von den chemisch-physikalischen Grundlagen über die Herstellung regenerativen Methanols im Sonnengürtel der Erde bis zur weltweiten Verteilung und Nutzung in Autos, Heizungen und Kraftwerken.

Defossilisieren statt Schlagworte produzieren

Jean Pütz unterscheidet bewusst zwischen Dekarbonisierung und Defossilisierung. Kohlenstoff sei nicht grundsätzlich das Problem, argumentiert er. Er ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens und vieler Produkte. Entscheidend sei vielmehr, keinen zusätzlichen fossilen Kohlenstoff mehr aus Kohle-, Erdöl- und Erdgaslagerstätten in den aktiven Kreislauf der Atmosphäre einzubringen.

Damit verschiebt das Buch den Blickwinkel: Nicht jede Nutzung eines kohlenstoffhaltigen Stoffes muss verschwinden. Entscheidend ist, woher der Kohlenstoff stammt und ob er in einem Kreislauf geführt wird. Grünes Methanol könnte deshalb überall dort eine wichtige Rolle spielen, wo die direkte Nutzung von Elektrizität technisch schwierig, wirtschaftlich unverhältnismäßig oder auf absehbare Zeit nicht möglich ist.

Der Ansatz versteht sich nicht als Konkurrenz zu Elektromobilität, Wärmepumpen oder dem Ausbau der Stromnetze. Vielmehr soll Methanol die direkte Elektrifizierung ergänzen. Strom wäre die erste Säule einer erneuerbaren Energieversorgung, grünes Methanol die zweite.

Warum diese Idee weit über Deutschland hinausreicht

Die Bedeutung einer solchen Methanolwirtschaft wäre nicht auf den Klimaschutz beschränkt. Sie berührt ebenso die Energie- und Versorgungssicherheit, die wirtschaftliche Entwicklung sonnenreicher Länder und die geopolitische Abhängigkeit von fossilen Exportstaaten.

Länder mit großen, bislang wirtschaftlich wenig genutzten Wüsten- und Sonnenflächen könnten zu Produzenten erneuerbarer Energie werden. Statt lediglich Rohstoffe aus dem Boden zu verkaufen, könnten sie eine eigene Wertschöpfung rund um Solarstrom, Wasserstoff und Methanol aufbauen. Für Europa wiederum könnten sich neue Energiepartnerschaften eröffnen.

Jean Pütz verbindet damit die Vision eines internationalen Energiesystems, das nicht auf Verzicht, sondern auf technische Innovation und zusätzliche Wertschöpfung setzt. Klimaschutz, Energiesicherheit und wirtschaftliche Entwicklung müssten nicht zwangsläufig Gegensätze sein.

Ein leidenschaftliches Plädoyer für Machbarkeit

„Wie wir von fossilen Energien unabhängig werden“ ist kein neutraler Überblick über sämtliche denkbaren Energiepfade, sondern ein leidenschaftliches Plädoyer. Jean Pütz kritisiert politische Wunschvorstellungen, technologische Einseitigkeit und Entscheidungen, bei denen physikalische und wirtschaftliche Zusammenhänge zu wenig berücksichtigt werden.

Dabei geht es ihm nicht um Besserwisserei, sondern um Machbarkeit. Sein Leitgedanke lautet: Klimapolitik muss sich nicht nur gut anhören, sondern in industriellem Maßstab funktionieren – weltweit, bezahlbar und unter Nutzung realistischer technischer Möglichkeiten.

Ein Zukunftsbuch aus fast sechs Jahrzehnten Erfahrung

Jean Pütz blickt auf nahezu sechs Jahrzehnte der Wissenschaftsvermittlung zurück. Gerade deshalb ist dieses Buch mehr als eine Wortmeldung zu einer aktuellen Debatte. Es bündelt die Erfahrung eines Journalisten, Ingenieurs und Pädagogen, der sein Berufsleben der Frage gewidmet hat, wie sich wissenschaftlicher Fortschritt in praktische Lösungen übersetzen lässt.

Dass er diese Debatte kurz vor seinem 90. Geburtstag mit solcher Energie führt, verleiht dem Buch eine besondere Dimension. Jean Pütz will nicht nur erklären, was falsch läuft. Er möchte zeigen, was möglich wäre.

Sein Schlussgedanke bringt diese Haltung auf den Punkt: Es gehe darum, das Problem realistisch zu betrachten, eine praktikable Lösung zu finden und selbst mit 90 Jahren nicht zu resignieren.

Das Buch „Wie wir von fossilen Energien unabhängig werden – Mehr Rationalität statt Heureka-Politik!“ ist bei Diplomatic Council Publishing erschienen, 1. Auflage 2026, Hardcover, ISBN 978-3-98674-222-5.