Mit Unsicherheit klug umgehen: Warum die Klimapolitik einen pragmatischen Neustart braucht

Von Dr. Judith Curry, Mitglied des Diplomatic Council

Der Klimawandel gilt vielen Regierungen als größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Dennoch steigen die weltweiten CO2-Emissionen seit dem ersten internationalen Klimaabkommen von 1992 weiter, Ziele und Fristen werden regelmäßig verfehlt. Ein Grund dafür liegt in einer zu starken Vereinfachung – sowohl des Problems als auch seiner Lösungen. Wer die Risiken des Klimawandels nüchtern bewerten will, muss offen mit Unsicherheit umgehen, die Bandbreite der politischen Optionen erweitern und das menschliche Wohlergehen in den Mittelpunkt stellen.

Was wir sicher wissen – und was offen bleibt

Einige Fakten sind wissenschaftlich gut belegt und weitgehend unbestritten: Die durchschnittlichen globalen Oberflächentemperaturen sind seit etwa 1860 insgesamt gestiegen. CO2 besitzt ein Infrarot-Emissionsspektrum und trägt damit zur Erwärmung des Planeten bei. Und der Mensch hat der Atmosphäre durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe CO2 zugeführt – die Konzentration ist von vorindustriell 280 ppm auf etwa 412 ppm im Jahr 2021 gestiegen.

Diese drei Fakten beantworten jedoch nicht die eigentlich entscheidenden Fragen: Wie groß ist der Anteil menschlicher Emissionen an der jüngsten Erwärmung im Vergleich zur natürlichen Klimavariabilität? Wie stark wird sich das Klima im 21. Jahrhundert verändern? Ist die Erwärmung gefährlich? Und verbessert eine radikale Reduzierung der Emissionen das menschliche Wohlergehen? Die ersten beiden Fragen gehören in den Bereich der Wissenschaft. Die Frage der „Gefährlichkeit“ ist eine Frage gesellschaftlicher Werte, zu der die Wissenschaft wenig sagen kann. Die letzte Frage ist eine Frage von Wirtschaft und Technologie.

Bemerkenswert ist, wie beständig die großen Wissenslücken sind. Bereits in den 1970er Jahren identifizierte eine internationale Konferenz in Stockholm zwei Kernprobleme der Klimavorhersage: die Simulation von Wolken und das Verhalten der Ozeane. Die großen Unterschiede zwischen den Modellsimulationen von Wolken und Ozeanzirkulation sind bis heute die Hauptursache für Unsicherheiten in Klimamodellen. Hinzu kommen offene Fragen zur Wirkung der Sonne, zur natürlichen Variabilität über Jahrzehnte und Jahrhunderte, zum Kohlenstoffkreislauf und zur Dynamik der Eisschilde.

Das „Ungewissheitsmonster“ zähmen

Der niederländische Sozialwissenschaftler Jeroen van der Sluijs hat den Begriff des „Ungewissheitsmonsters“ geprägt. Es entsteht aus der Verwirrung zwischen Wissen und Unwissen, Fakten und Werten, Vorhersage und Spekulation, Wissenschaft und Politik. Wissenschaftliche Institutionen reagieren darauf auf unterschiedliche Weise: Sie verstecken die Unsicherheit, versuchen sie durch immer mehr Forschung auszutreiben oder vereinfachen sie durch subjektive Quantifizierung. Bei komplexen Problemen erweist sich die Hoffnung auf eine stetige Verringerung der Unsicherheit jedoch oft als vergeblich: Wie bei der mythologischen Hydra wachsen für jeden abgeschlagenen Kopf neue nach, weil unvorhergesehene Zusammenhänge entdeckt werden.

Der konstruktive Weg ist die „Assimilierung“ des Monsters: lernen, mit Unsicherheit zu leben, und ihr einen ausdrücklichen Platz im Risikomanagement einräumen. Das setzt voraus, den Klimawandel nicht als „zahmes“, klar definiertes Problem zu behandeln, sondern als „wicked problem“ – gekennzeichnet durch unterschiedliche Problemdefinitionen, umstrittene Methoden, fehlende Daten und überraschende Nebenwirkungen von Lösungsversuchen. Der Schwerpunkt verlagert sich damit vom Anspruch auf Kontrolle hin zu einem besseren Verständnis des Problems aus mehreren Perspektiven.

Klimasensitivität und Szenarien auf dem Prüfstand

Ein zentrales Beispiel für fortbestehende Unsicherheit ist die Klimasensitivität, also die Erwärmung bei einer Verdopplung der CO2-Konzentration gegenüber dem vorindustriellen Niveau. Seit dem Charney-Bericht von 1979 lagen die Schätzungen bei 1,5 bis 4,5 °C. Der Sechste Sachstandsbericht des Weltklimarats (IPCC AR6) hat die wahrscheinliche Spanne auf 2,5 bis 4,0 °C eingegrenzt, die sehr wahrscheinliche auf 2,0 bis 5,0 °C. Der direkte Effekt einer CO2-Verdopplung allein beträgt etwas mehr als 1 °C; höhere Werte ergeben sich aus Rückkopplungen, vor allem durch Wolken, deren Ausmaß und sogar Vorzeichen die größte Unsicherheitsquelle ist. Aufschlussreich: Die Streuung der Werte in den Klimamodellen ist von 2,0 bis 4,7 °C (CMIP5) auf 1,8 bis 5,5 °C (CMIP6) gewachsen. Der AR6 hat die Modellprojektionen deshalb erstmals mit Beobachtungen abgeglichen und so für die Szenarien mit höheren Emissionen um bis zu 20 Prozent reduziert.

Ebenso wichtig sind die Emissionsszenarien. Das extreme Szenario RCP8.5 bzw. SSP5-8.5 wurde lange als „Business as usual“ bezeichnet und diente Tausenden Folgestudien als Referenz. Es setzt jedoch bis 2100 einen bis zu 6,5-mal höheren Kohleverbrauch als heute voraus und unterstellt für 2050 Emissionen von 82 Gigatonnen CO2 pro Jahr. Zum Vergleich: 2021 lagen sie bei etwa 36 Gigatonnen. Die Internationale Energieagentur erwartet bei Fortführung der bereits umgesetzten Politik für 2050 etwa dasselbe Niveau, bei Erfüllung aller Zusagen etwa 22 Gigatonnen. Eine Befragung von Energieexperten gab SSP5-8.5 unter allen Basisszenarien ohne Klimapolitik nur eine Wahrscheinlichkeit von 5 Prozent. Bis 2050 gelten SSP2-4.5 und SSP4-3.4 als die wahrscheinlichsten IPCC-Szenarien; für SSP2-4.5 projiziert der AR6 bis 2081–2100 eine Erwärmung von 2,7 °C (2,1–3,5 °C) gegenüber 1850–1900 projiziert. Für Folgenabschätzungen und politische Planung sollten diese plausibleren Szenarien im Mittelpunkt stehen.

Extremwetter und Meeresspiegel: ein differenziertes Bild

Der AR6 stellt fest, dass Hitzewellen seit den 1950er Jahren in den meisten Landregionen häufiger und intensiver geworden sind und Starkniederschläge zugenommen haben. Weniger Beachtung findet, was die Fachkapitel ebenfalls festhalten: Für meteorologische und hydrologische Dürren, außertropische Stürme, die Gesamtzahl tropischer Wirbelstürme sowie Tornados, Hagel und Blitze gibt es keinen signifikanten beobachteten Trend oder nur geringes Vertrauen in eine Veränderung. Dass Unwetter häufiger wahrgenommen werden, hat auch mit wachsender Bevölkerung und Wertkonzentration in gefährdeten Küstenregionen zu tun.

Der Meeresspiegel ist zwischen 1901 und 2018 um etwa 0,20 Meter gestiegen, mit zuletzt beschleunigter Rate. Für 2050 liegen die Projektionen über alle Szenarien hinweg bei 0,1 bis 0,4 Metern gegenüber 1995–2014; für 2100 im mittleren Szenario bei 0,2 bis 1,0 Metern. Gerade für das Ende des Jahrhunderts ist die Unsicherheit also groß – ein Grund mehr, auf flexible Strategien zu setzen.

Anpassung und Resilienz als unterschätzte Hebel

Der Mensch ist dem Klima nicht passiv ausgeliefert. Todesfälle und wirtschaftliche Schäden durch Wetter- und Klimakatastrophen sind in den vergangenen vier Jahrzehnten weltweit um 80 bis 90 Prozent zurückgegangen, wenn man Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum berücksichtigt. Eine Studie für die Jahre 1980 bis 2016 ergab, dass die Sterblichkeitsrate um das 6,5-Fache und die wirtschaftliche Verlustrate um fast das Fünffache gesunken sind. Zugleich zeigt sie: Die Anfälligkeit ist bei den niedrigsten Einkommen am größten. Die Armen leiden am meisten unter Wetterkatastrophen.

Bangladesch ist dafür ein eindrückliches Beispiel. 1970 tötete der Zyklon Bhola bis zu 500.000 Menschen. Als 2007 der ähnlich starke Zyklon Sidr auf Land traf, starben rund 3.000 Menschen – dank Schutzbauten entlang der Küste und Frühwarnsystemen. Ein probabilistisches Hochwasser-Vorhersagesystem für Ganges und Brahmaputra ist seit 2003 in Betrieb; 2007 erreichten Warnungen per Mobilfunk mehr als 100.000 Menschen in fünf ländlichen Provinzen. Ganze Gebiete konnten rechtzeitig evakuiert, Ernten vorzeitig eingebracht werden.

Anpassung kann aber auch fehlgeleitet sein. Sogenannte Resilienzfallen entstehen, wenn verzerrte Anreize den Wiederaufbau am selben gefährdeten Ort belohnen. In den USA haben Immobilien mit wiederholten Schäden, die mehrfach mit Hilfe der staatlichen Flutversicherung wiederaufgebaut wurden, die Steuerzahler bis 2012 mehr als 12 Milliarden Dollar gekostet. Wirksamer ist es, Anpassungsfähigkeit zu stärken, statt nur den Status quo wiederherzustellen. Anders als die Emissionsminderung, deren Nutzen global und verzögert eintritt, wirken Anpassung und Entwicklung lokal bis regional – und bringen kurzfristigen Nutzen.

Risikomanagement statt Kontrollillusion

Bewährte Grundsätze des Risikomanagements verlangen, dass Maßnahmen verhältnismäßig, abgestimmt, umfassend, eingebettet und dynamisch sind (PACED). Bei großer Unsicherheit empfiehlt sich ein adaptives Vorgehen: Optionen abwägen, eine wählen, beobachten, lernen und nachsteuern. Für Emissionen gilt das ALARP-Prinzip – so niedrig wie vernünftigerweise möglich –, ohne den Anspruch, das Klima steuern zu können. Werden komplexe, mehrdeutige Risiken wie einfache behandelt, drohen Blockaden, Konflikte und teure Fehlentscheidungen.

Auch die Energiewende profitiert von dieser Haltung. Frühere Energieübergänge verliefen erstaunlich schnell: Weniger als 60 Jahre nach dem ersten Einsatz von Kokskohle in den 1740er Jahren hatte Eisen in Großbritannien das Holz in den meisten Anwendungen ersetzt. Ende der 1920er Jahre hatten rund 70 Prozent der amerikanischen Haushalte Strom, nachdem in den 1880er Jahren die ersten Netze entstanden waren. Diese Übergänge entstanden jedoch durch Innovation und neue Möglichkeiten, nicht durch Vorgaben von oben. Für die kommenden zwei bis drei Jahrzehnte spricht daher viel dafür, sie als Lernphase zu nutzen: akzeptieren, dass die Welt mehr Energie braucht, Versorgungssicherheit wahren, eine breite Palette sauberer Technologien entwickeln und erproben sowie Netze und Speicher modernisieren.

Fazit: Bescheidenheit, Pragmatismus und Hoffnung

Die meisten Menschen können sich eher auf konkrete Lösungen einigen als auf die Ursachen von Problemen. Klimapragmatismus setzt deshalb auf „No regrets“-Maßnahmen, die unabhängig von strittigen Prognosen Nutzen stiften: saubere, reichliche und bezahlbare Energie, geringere Anfälligkeit gegenüber Wetterextremen und weniger Umweltverschmutzung. Statt einer einzigen „Wunderwaffe“ braucht es viele Ansätze, die auf der niedrigstmöglichen Entscheidungsebene umgesetzt, überprüft und verbessert werden. Dabei sollten die Ziele für nachhaltige Entwicklung im Blick bleiben, die mit der Überwindung von Armut und Hunger beginnen.

Eine solche Politik der Unsicherheit beruht auf Bescheidenheit statt Hybris in Bezug auf das, was wir wissen, auf Hoffnung statt Angst in Bezug auf das, was möglich ist, und auf der Anerkennung unterschiedlicher Werte. Dafür braucht es Raum für Dissens, offene Diskussionen über wissenschaftliche Unsicherheiten und eine breite Palette politischer Optionen. Was oft als eine einzige globale Krise dargestellt wird, besteht in den meisten Fällen aus Tausenden lokaler Notlagen, ausgelöst durch extreme Wetterereignisse. Wer sie pragmatisch angeht, stärkt die Widerstandsfähigkeit der Gesellschaften und das Wohlergehen der Menschen im 21. Jahrhundert.